Zwischen Tragik und Komik kämpft sich Pörni durch Familienchaos, Trauer und Liebeswirren. Als Sozialarbeiterin und Übermutter hält sie alle zusammen – und droht doch selbst dabei unterzugehen
Die Überzeichnung der Charaktere, die zuweilen Sitcom-Qualitäten hat, wirkt keineswegs verfremdend
Foto: Arte/Monster Scripted
In der ersten Szene der norwegischen Erfolgsserie Pörni spricht Pernille (Henriette Steenstrup) ihrer Schwester auf die Mailbox, weil ihr Vater eine tödliche Tumordiagnose bekommen hat. Dass die Schwester bereits vor Monaten durch einen Unfall zu Tode kam und es bei der Diagnose eine Verwechslung gab und Vater Ole Johan kerngesund ist, löst sich bereits in der nächsten Szene auf.
Der Schock veranlasst Ole Johan sogleich zu einem späten Coming-out. Auf diesem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, Nähe und Verlust, Komik und Tragik bewegt sich das Frauenporträt, das die alleinerziehende Pörni im Spannungsfeld ihrer Patchworkfamilie zeigt.
Pörni hat bereits einige Krisen hinter sich. Die Ehe etwa mit einem narzisstischen Romanautor mit Alkoholproblem, den die beiden gemeinsamen Töchter umso mehr verehren, weil er sich so selten blicken lässt. Oder eben den Tod ihrer Schwester, der Pörni auch posthum noch alle ihre Sorgen anvertraut: indem sie auf die Mailbox der Toten spricht. Vorzugsweise, während sie in der Garage in ihrem Geländewagen sitzt, ihrem Rückzugsort. Pörnis Liebe zu ihrem Auto ist nur einer von vielen Spleens.
Undankbare, traditionell weiblich besetzte Aufgabe
Die Überzeichnung der Charaktere, die zuweilen Sitcom-Qualitäten hat, wirkt keineswegs verfremdend, sondern geht Hand in Hand mit dem naturalistischen Duktus der Serie. Und so ziehen sechs Staffeln mir-nichts-dir-nichts an einem vorbei wie das Leben selbst.
Pörnis Default in Krisensituationen ist es, sich auf das Wohlergehen anderer zu konzentrieren. Mit ihren unsichtbaren Anstrengungen hält sie die Familie zusammen, zu der nebst den Töchtern, dem Vater und dessen neuem Partner auch der Sohn und der Partner ihrer verstorbenen Schwester gehören – sowie, notgedrungen, ihr Ex. Eine oft undankbare, traditionell weiblich besetzte Aufgabe. Statt sich gegen die Rolle zu wehren, verkörpert Pörni sie, ist darin mal gefangen, mal geht sie darin auf.
Romanze beginnt nach desaströsem Date
Ihre Teenager-Töchter halten ihr gar vor, sie sei ein „Pick-me-Girl“, was Pörni sich erst erklären lassen muss: eine, die sich zu viel Mühe gibt. Überhaupt muss sie sich oft über den zeitgemäßen Sprachgebrauch belehren lassen, und wenn sie versucht, sich anzupassen, wird sie erst recht zum Gespött. Doch Familie, wie Pörni sie versteht, ist ein offenes Konzept, und darin liegt ein utopischer Gehalt. Wer eine Familie braucht, der ist in ihrer eigenen willkommen, sei es ihr Kollege, der zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs bezichtigt wird, oder die fallengelassene Liebhaberin ihres Ex.
Pörni ist aber mehr als die Übermutter, die im Privaten die Fäden zieht. Als Sozialarbeiterin hat sie schon alle Familientragödien gesehen, die Oslo zu bieten hat. Pörnis Arbeitseinsätze sind Teil der Serie und zeigen die sonst so sanftmütige Mutter als erfahrene Professionelle. Vor allem aber verbinden sie das Leben der Mittelstandsfamilie mit anderen, härteren Realitäten.
Pörni ist trotz Helfersyndrom keine Heilige
Trotz ihres Helfersyndroms ist Pörni keine Heilige, wie sich an einem tragikomischen Tiefpunkt der Serie zeigen wird, wenn Pörni während des Sommerurlaubs von einer Wespe in die Zunge gestochen wird.
Zu schön, um wahr zu sein, ist dagegen der Love Plot der Serie: Der Mann, der sich um Pörni bemüht, ist nicht nur 13 Jahre jünger. Er ist auch unwahrscheinlich nett, fürsorglich – und ebenso beharrlich. Nach einem desaströsen Date in Pörnis Geländewagen beginnt eine Romanze voller verpasster Chancen und Zwischenfälle nach bester RomCom-Art. Retten lassen muss und will Pörni sich nicht. Aber bei aller Liebe für starke, unabhängige Serienheldinnen – was ist so unwiderstehlich wie ein guter Love Plot?
arzisstischen Romanautor mit Alkoholproblem, den die beiden gemeinsamen Töchter umso mehr verehren, weil er sich so selten blicken lässt. Oder eben den Tod ihrer Schwester, der Pörni auch posthum noch alle ihre Sorgen anvertraut: indem sie auf die Mailbox der Toten spricht. Vorzugsweise, während sie in der Garage in ihrem Geländewagen sitzt, ihrem Rückzugsort. Pörnis Liebe zu ihrem Auto ist nur einer von vielen Spleens.Undankbare, traditionell weiblich besetzte AufgabeDie Überzeichnung der Charaktere, die zuweilen Sitcom-Qualitäten hat, wirkt keineswegs verfremdend, sondern geht Hand in Hand mit dem naturalistischen Duktus der Serie. Und so ziehen sechs Staffeln mir-nichts-dir-nichts an einem vorbei wie das Leben selbst.Pörnis Default in Krisensituationen ist es, sich auf das Wohlergehen anderer zu konzentrieren. Mit ihren unsichtbaren Anstrengungen hält sie die Familie zusammen, zu der nebst den Töchtern, dem Vater und dessen neuem Partner auch der Sohn und der Partner ihrer verstorbenen Schwester gehören – sowie, notgedrungen, ihr Ex. Eine oft undankbare, traditionell weiblich besetzte Aufgabe. Statt sich gegen die Rolle zu wehren, verkörpert Pörni sie, ist darin mal gefangen, mal geht sie darin auf.Romanze beginnt nach desaströsem DateIhre Teenager-Töchter halten ihr gar vor, sie sei ein „Pick-me-Girl“, was Pörni sich erst erklären lassen muss: eine, die sich zu viel Mühe gibt. Überhaupt muss sie sich oft über den zeitgemäßen Sprachgebrauch belehren lassen, und wenn sie versucht, sich anzupassen, wird sie erst recht zum Gespött. Doch Familie, wie Pörni sie versteht, ist ein offenes Konzept, und darin liegt ein utopischer Gehalt. Wer eine Familie braucht, der ist in ihrer eigenen willkommen, sei es ihr Kollege, der zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs bezichtigt wird, oder die fallengelassene Liebhaberin ihres Ex.Pörni ist aber mehr als die Übermutter, die im Privaten die Fäden zieht. Als Sozialarbeiterin hat sie schon alle Familientragödien gesehen, die Oslo zu bieten hat. Pörnis Arbeitseinsätze sind Teil der Serie und zeigen die sonst so sanftmütige Mutter als erfahrene Professionelle. Vor allem aber verbinden sie das Leben der Mittelstandsfamilie mit anderen, härteren Realitäten.Pörni ist trotz Helfersyndrom keine Heilige Trotz ihres Helfersyndroms ist Pörni keine Heilige, wie sich an einem tragikomischen Tiefpunkt der Serie zeigen wird, wenn Pörni während des Sommerurlaubs von einer Wespe in die Zunge gestochen wird.Zu schön, um wahr zu sein, ist dagegen der Love Plot der Serie: Der Mann, der sich um Pörni bemüht, ist nicht nur 13 Jahre jünger. Er ist auch unwahrscheinlich nett, fürsorglich – und ebenso beharrlich. Nach einem desaströsen Date in Pörnis Geländewagen beginnt eine Romanze voller verpasster Chancen und Zwischenfälle nach bester RomCom-Art. Retten lassen muss und will Pörni sich nicht. Aber bei aller Liebe für starke, unabhängige Serienheldinnen – was ist so unwiderstehlich wie ein guter Love Plot?