Ein Gastbeitrag Von Thomas Rießinger
Es ist am Tage, der Beweis ist erbracht.
Die AfD will ihren nächsten Bundesparteitag in Erfurt veranstalten. Dass sie es überhaupt will und darf, ist in den Augen mancher Beobachter schon schlimm genug, aber das zugehörige Datum und die Auswahl des Ortes treibt ihnen die Zornesröte ins Gesicht. „Politiker von CDU und SPD“, so lesen wir in der „Welt“, „sowie Historiker reagieren mit Empörung auf die Planung der AfD für ihren Bundesparteitag am 3. und 4. Juli in Erfurt – exakt 100 Jahre nach dem NSDAP-Reichsparteitag 1926 in Weimar.“ Eine CDU-Funktionärin äußert: „Die bewusst gewählte Parallele zeigt wieder einmal, wes Geistes Kind die AfD ist,“ und Rolf Mürzenich, der Chef der SPD-Fraktion im Bundestag, meint, die AfD verwende „gezielte Provokationen, um Aufmerksamkeit zu erregen“, auf keinen Fall handle es sich um einen historischen Zufall, den man achselzuckend zur Kenntnis nehmen könne. Auch der Historiker Jörg Ganzenmüller hat sich zu Wort gemeldet. Er spricht von einem „bewussten symbolischen Akt, der auf mehreren Ebenen wirkt“, weil die AfD einerseits ein Signal der Verbundenheit an die rechtsextreme Szene sende, der die Geschichte der NSDAP geläufig sei, andererseits sich aber ahnungslos gebe und die historische Bedeutung herunterspiele, um für andere Wähler anschlussfähig zu bleiben.
Etwas verwirrend ist dieses Argument schon. Glaubt der Historiker allen Ernstes, man habe in der rechtsextremen Szene, wen auch immer er dazu zählen mag, sämtliche Daten sämtlicher NSDAP-Parteitage stets am Schnürchen, einschließlich Austragungsort und Datum? Während alle anderen in edler Ahnungslosigkeit verharren und den Bösen auf den Leim gehen? Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich.
Ich will auch ein weiteres Argument nicht verschweigen, das wir der „Jüdischen Allgemeinen“ verdanken. „Der NSDAP-Reichsparteitag von 1926 gilt Historikern als Wendepunkt der völkischen Bewegung. Adolf Hitler (1889-1945) und seine Anhänger zogen damals demonstrativ in das Deutsche Nationaltheater Weimar ein. Thüringen war zu der Zeit eines der wenigen Länder, in denen Hitler öffentlich auftreten durfte.“
Sehen wir uns die drei verbliebenen Argumente gegen Ort und Zeit des AfD-Parteitages im Zusammenhang an. Erstens: Er ist an einem Ort geplant, an dem 100 Jahre zuvor ein NSDAP-Parteitag stattfand. Zweitens: Er ist genau an den Tagen geplant, an dem 100 Jahre zuvor ein NSDAP-Parteitag stattfand. Drittens: Dieser besagte Parteitag war ein besonders bedeutungsvoller.
Zunächst zum Ort. Es ist nicht der gleiche. Die NSDAP tagte 1926 in Weimar, die AfD will 2026 in Erfurt tagen. Erfurt ist nicht Weimar. Die Entfernung beträgt etwa 24 Kilometer, das kann man mit dem Lastenfahrrad in knappen anderthalb Stunden schaffen. Die Austragungsorte der beiden Parteitage sind keineswegs die gleichen, weshalb auch die Bemerkung, Hitler und seine Anhänger seien damals demonstrativ in das Deutsche Nationaltheater Weimar eingezogen, recht sinnlos ist, denn dieses Theater liegt eben in Weimar und nicht in Erfurt. Wer derartige Argumentationen ernst nehmen will, muss sich an die bayerischen Grünen wenden, deren letzter Landesparteitag in Erlangen stattfand – und Erlangen ist weniger als 20 Kilometer von Nürnberg, der Stadt der NSDAP-Reichsparteitage ab 1927, entfernt. Hat man diese geographische Kontaktschuld in grünen Kreisen nicht gesehen?
Nun zum Termin. Bei der Welt hat man den AfD-Parteitag auf den 3. und 4. Juli gelegt, also genau auf die gleichen Tage, an denen 100 Jahre vorher der NSDAP-Parteitag stattfand. Die Frankfurter Rundschau sieht das anders, sie gibt den 4. und den 5. Juli an. Das gleiche Datum verkündete schon im Oktober 2025 die Thüringische Allgemeine, und auch das RND lässt sich nicht lumpen und gibt ebenfalls den 4. und 5. Juli an. Das ist aber nicht das Gleiche wie der 3. und 4. Juli. Es gibt einen Tag Überschneidung, aber es ist nicht der gleiche Zeitraum. Ich muss also feststellen, dass nicht nur der Ort ein anderer ist, sondern auch die Kalenderdaten sich unterscheiden. Doch selbst, wenn es sich herausstellen sollte, dass es sich schließlich doch um den 3. und den 4. Juli handeln wird: Was ist damit bewiesen? Könnte man nicht mithilfe dieser Terminsetzung der Schlacht von Königgrätz gedenken, die am 3. Juli 1866 ihr tödliches Unwesen trieb und ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem preußisch dominierten Deutschland ohne Österreich war? Oder könnte es um den 3. Juli 1919 gehen, um jenen Tag, an dem die Weimarer Nationalversammlung die Farben Schwarz-Rot-Gold als deutsche Nationalfarben bestimmte? Oder dachte man an die „Operation Entebbe“, bei der am 3. Juli 1976 ein israelisches Kommando 105 Geiseln auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda befreite? Niemand weiß es, schon gar nicht irgendwelche Regierungspolitiker oder die interessierte Presse.
Im Grunde muss ich auf den dritten Einwand nicht mehr eingehen, denn er beruht auf der Gültigkeit der ersten beiden. Aber der Ort ist nicht der gleiche, und auch der Termin ist ein anderer, und sollte er doch der gleiche sein, so kann man sich vor historischen Bezügen kaum retten, auch wenn sie manchen Kommentatoren nicht gefallen mögen. Trotzdem will ich einen Blick auf die Bedeutung des Parteitages von 1926 werfen. Es mag sein, dass sich die Nazi-Delegierten mit grundlos stolzgeschwellter Brust in das Deutsche Nationaltheater begeben haben, das macht jedoch noch keine objektive Bedeutung aus. Am 4. Mai 1924 hatte die NSDAP bei der damaligen Reichstagswahl 6,6% der Stimmen erzielt. Etliche ihrer Wähler hatten offenbar kurz darauf das Interesse verloren, denn bei der nächsten Wahl vom 7. Dezember 1924 erzielte man nur noch 3%. 1926 kam dann der überaus bedeutende Parteitag in Weimar, der aber außer seinen Teilnehmern kaum jemanden beeindruckt hat, denn bei der wiederum nächsten Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 kam die NSDAP auf gerade einmal 2,6% der Stimmen. Erst mehr als zwei Jahre später, im September 1930, konnte sie sich auf den enormen Wert von 18,3% steigern. Ich wage zu bezweifeln, dass dieses Ergebnis von einem vier Jahre zurückliegenden Parteitag nennenswert beeinflusst wurde.
Die seltsame Aufregung ist also vor allem genau dieses: seltsam. Der Diskussion halber will ich mich aber für einen Moment der These verschreiben, dass eine Partei bei der Festlegung ihrer Parteitagstermine und -orte stets alle historischen Bedenken im Herzen tragen muss. Das macht zwar niemand, aber tun wir doch einmal so. In diesem Fall müssen sich aber alle Parteien an diesem Kriterium messen lassen und nicht nur eine. Das hat in der Geschichte der BRD allerdings nicht immer funktioniert, insbesondere nicht bei der SPD.
Werfen wir einen Blick in das Jahr 1982. In diesem Jahr fand vom 19. bis zum 23. April der 20. ordentliche Bundesparteitag der SPD in München statt. Wie laut hätten doch die Alarmglocken klingen müssen, doch zu hören war nichts. Warum ist keinem aufgefallen, dass am 20. April der 93. Geburtstag von Adolf Hitler zu vermelden war? Man hat einen sozialdemokratischen Parteitag am Geburtstag Hitlers über die Bühne gebracht, und nicht nur das: im Jahre 1982 lag das Jahr 1932 genau 50 Jahre zurück, und in diesem Jahr feierte die NSDAP ihre größten Wahlerfolge in der Weimarer Republik – Wahlerfolge, auf denen zu nicht geringen Teilen ihre spätere Machtergreifung beruhte. Als ob das noch nicht genug wäre, fand der SPD-Parteitag 1982 in München statt. Ausgerechnet in München, das man zur Nazi-Zeit so gerne als „Hauptstadt der Bewegung“ bezeichnete. Wo waren die empörten Historiker, die all diese Bezüge aufdeckten? Wo war die Presse, die einen medialen Aufschrei ins Land schickte? Sie waren nicht da.
Etwas subtiler sind die gut getarnten Rechtsextremisten der SPD im Jahre 2018 vorgegangen, als sie am 22. April in Essen einen außerordentlichen Parteitag begangen. Das war ein Sonntag, und das war auch sinnvoll, denn bei einem nur eintägigen Parteitag sollte man dafür sorgen, dass möglichst viele Delegierte anreisen können. Doch es musste ausgerechnet der erste und der nächste Sonntag nach Hitlers Geburtstag sein. Wenn das kein Signal ist – was soll dann sonst ein Signal sein? Dabei war es nicht das einzige. In Essen versammelten sie sich zum Parteitag, in der Stadt Krupps. Wer hatte doch gleich von der deutschen Jugend gefordert, sie solle hart wie Kruppstahl sein? Das war Hitler, und mit der Wahl des Ortes hat die SPD einen weiteren Bezug zu ihm hergestellt.
Sieht man genauer hin, so kommt es noch schlimmer. Der Geburtstag am 20. April war der 129. Geburtstag. Das sieht harmlos aus, ist es aber nicht, wenn man die Raffinesse der heimlichen Rechtsextremen in der SPD bedenkt. Denn harmlos ist diese Zahl nur, wenn man keine Nazi-Mathematik benutzt. 129 ist eine Zahl im Dezimalsystem, die einfach 1*100 + 2*10 + 9 bedeutet, oder auch 1*10*10 + 2*10 + 9. Die Basis dieser Rechnung ist bekanntlich 10. Aber wenn denn schon so viele Hitler-Bezüge vorhanden sind, liegt es nahe, mit einer anderen Basis zu rechnen: Ohne Frage besteht der Name „Adolf Hitler“ aus 11 Buchstaben, man kann die 11 also mit einem gewissen Recht als „Hitler-Zahl“ bezeichnen. Und wenn wir nun die 129 umschreiben, sodass die Hitler-Zahl 11 als Grundzahl verwendet wird? Das ist leicht, denn 129 = 121 + 8 = 1*11*11 + 0*11 + 8. Auf der Basis der Hitlerzahl hat man somit nicht mehr die Stellen 1, 2 und 9, sondern 1, 0 und 8. Springt es nicht ins Auge? Die 1 entspricht dem ersten Buchstaben des Alphabets, dem A. Zur 0 gehört kein Buchstabe, sondern nichts, also ein Leerzeichen. Und der achte Buchstabe ist ein H. Wir erhalten also A H, also die Initialen Adolf Hitlers, einfach indem wir die heimliche Basiszahl 11 aller heimlichen Rechtsextremen verwenden.
Der erste Sonntag nach Hitlers Geburtstag als Termin, ein Ort, der den direkten Bezug zum Kruppstahl herstellt, und ein 129. Geburtstag, der sich schnell als eine Chiffre für die Initialen A H entpuppt. Das war die SPD des Jahres 2018. Empört war niemand.
Muss ich erläutern, dass man diese hübschen Spielchen nicht ernst nehmen darf? Sie sollen nur zeigen, dass man alles und jedes zusammenkonstruieren kann. Und genauso zusammenkonstruiert sind auch die schrecklichen Vorwürfe im Hinblick auf den AfD-Parteitag.
Man kann der AfD zweifellos viel vorwerfen, man kann sie kritisieren und verabscheuen – das gilt allerdings für alle Parteien. Aber wenn man keine anderen Pfeile mehr im Köcher hat als sinnlose historische Parallelen, dann zeigt das nur die Unfähigkeit zu brauchbarer Politik.
Diese Unfähigkeit haben die üblichen Verdächtigen wieder einmal bewiesen.
Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.
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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.
Bild: Mahmoud Mahdi Photo/Shutterstock
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