In Kürze:
- Die Schließung von Eberswalder steht exemplarisch für die Wurstkrise in Deutschland.
- Steigende Kosten, Preisdruck durch den Handel und sinkender Fleischkonsum belasten die Branche.
- Zahlreiche Insolvenzen und Übernahmen zeigen einen tiefen Strukturwandel.
- Politik, Nachhaltigkeitsanforderungen und veränderte Essgewohnheiten verschärfen die Lage weiter.
Die Gewerkschaft NGG kritisiert die Entscheidung scharf und wirft Tönnies vor, bewusst auf „Aufkaufen und Schließen“ zu setzen, um Marktanteile zu sichern. Versprochene Investitionen seien ausgeblieben, stattdessen sei der Betrieb „auf Verschleiß gefahren“ worden. Für die Traditionsmarke und die Region sei die Schließung ein schwerer Schlag.
Zwar wurde ein Sozialplan ausgehandelt, dieser gilt laut NGG als unzureichend. Die Gewerkschaft sieht zudem ein rechtliches Schlupfloch ausgenutzt: Nach dem Betriebsverfassungsgesetz können Unternehmen in den ersten vier Jahren nach Gründung von Sozialplanpflichten ausgenommen sein – eine Regelung, die hier nach der Übernahme durch Tönnies angewendet wurde. Die NGG fordert deshalb politisches Eingreifen, um solche Fälle künftig zu verhindern und Industriearbeitsplätze besser zu schützen.
Was die Gewerkschaft allerdings in ihrer Mitteilung unter den Tisch fallen lässt: Die Werksschließung im brandenburgischen Britz ist längst kein Einzelfall mehr. Hochkonjunktur für Wurst ist schon lange nicht mehr. Was in Brandenburg deutlich wird, ist das finale Stadium einer toxischen Mischung aus explodierenden Vorleistungskosten, einem ruinösen Preiskrieg im Lebensmitteleinzelhandel und Rahmenbedingungen in Deutschland, die dem Mittelstand seit Jahren zu schaffen machen. Die „Wurstkrise“ ist kein regionaler brandenburgischer Betriebsunfall, sondern die Zäsur einer ganzen Branche.
Sieben Insolvenzen oder Aufkäufe im letzten Jahr
Weniger Monate später kaufte die EWU Thüringer Wurst und Spezialitäten GmbH das Unternehmen in Apolda auf, das seit über 100 Jahren Fleisch- und Wurstwaren herstellt. Allerdings kaufte die EWU nur den Markennamen und die Verkaufsfilialen samt deren Personal. Die Herstellung in Apolda gibt es heute nicht mehr.
Nicht Partner sondern Bittsteller
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Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland ist ein stark konzentrierter Markt. Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland stehen für rund 85% des Marktes.
Die Marktmacht großer Handelsgruppen habe „zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher“ zugenommen, während landwirtschaftliche Betriebe und Hersteller stärker unter Abhängigkeiten gerieten und weiterhin den Risiken des Weltmarkts ausgesetzt seien.
Weil der Handel seine Aktivitäten zunehmend auf die Herstellung ausdehnt und teilweise direkt mit landwirtschaftlichen Betrieben verhandelt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis entlang der Lieferkette weiter zuungunsten der Zulieferer. Deren Verhandlungsposition schwäche sich, während steigende Gewinnmargen im Handel erzielt werden.
Die Kommission warnt, dass der Wettbewerb auf Hersteller- und Landwirtschaftsebene dadurch weiter abnimmt, und fordert strengere Fusionskontrollen sowie eine konsequentere Durchsetzung von Regeln gegen Machtmissbrauch, um die Position der Zulieferer zu stabilisieren.
Die Marktmacht der großen Vier
Auf die Wurstindustrie heruntergebrochen bedeutet das, in den jährlich stattfindenden Konditionsverhandlungen mit den „Big Four“ Edeka, Rewe, Aldi und der Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Einkäufer der großen Ketten wissen genau, dass ein Auslistungsbescheid für einen spezialisierten Hersteller wie Eberswalder Würstchen das sofortige Todesurteil bedeuten kann. Sie kämen nicht mehr in den Supermärkten der jeweiligen Kette vor. Man ist also weniger Partner, man ist ein Bittsteller. Während die Rohstoffpreise volatil schwanken, fordern die Discounter stabile „Dauertiefpreise“.
Das Ergebnis dieser Marktpraxis ist eine ungleiche Risikoverteilung: Das volle Risiko der Preissteigerungen in der Lieferkette trägt der Produzent. Die Wurstindustrie wird also, wie viele andere Branchen auch, zwischen steigenden Erzeugerpreisen und gnadenlosen Handelskonditionen zerquetscht.
Die Monopolkommission fasst deutlich zusammen:
„Landwirtschaftliche Betriebe stehen von vielen Seiten unter Druck. Zum einen müssen sie steigende gesellschaftliche Anforderungen an Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltschutz erfüllen. Zum anderen müssen sie mit Einnahmerisiken umgehen … .“
Fleischwirtschaft schaut mit Sorge in die Zukunft
Für die kommenden Monate sehen die Unternehmen vor allem drei Risiken: sinkenden Konsum, Fachkräftemangel und Inflation. Viele rechnen mit weiter rückläufigem Schweinefleischverbrauch, planen Kapazitätsanpassungen oder prüfen Standortentscheidungen. Gleichzeitig gewinnt das Auslandsgeschäft an Gewicht. Insgesamt zeigt sich eine Branche im Umbruch, die zwischen Kostendruck, strukturellem Wandel und technischer Modernisierung um ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit ringt.
Fleischkonsum sinkt seit Jahren
„Die Ausgabe 2021 des wegweisenden Protein Producer Index von FAIRR stufte Dutzende börsennotierte Unternehmen aus der intensiven Tierhaltung im Hinblick auf eine Reihe von ESG-Faktoren als „hoch riskant“ ein. Die 60 untersuchten Unternehmen hatten zum Zeitpunkt der Analyse zusammen einen Wert von rund 360 Milliarden US-Dollar.“
Der Bericht bezieht sich auf börsennotierte Unternehmen der Tierhaltung in Europa (EMEA-Region) und damit auch auf den deutschen Markt und die dort aktiven Fleisch- und Agrarkonzerne.
Spannungsfeld Politik, Kosten und Preis

Statista schrieb zu den Gründen im Juli letzten Jahres:
„Der Rückgang ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: Strengere Umwelt- und Tierschutzauflagen machen die Haltung aufwendig und teuer. Betriebsaufgaben kleiner und mittlerer Höfe beschleunigen den Strukturwandel. Zudem führen veränderte Ernährungsgewohnheiten zu sinkendem Fleischkonsum.“
Für Verarbeiter bedeutet das: Regionales Fleisch wird knapper und teurer. Die Preissteigerungen lassen sich im harten Wettbewerb des Handels aber nur begrenzt weitergeben. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen politischen Zielen, wirtschaftlicher Realität und preissensiblen Konsumenten. Das ist ein Strukturwandel, der die gesamte Branche erfasst. Die Wurstindustrie bekommt diesen Wandel besonders deutlich zu spüren, denn sie steht exemplarisch für eine Branche, die zwischen Kostendruck, veränderten Essgewohnheiten und wachsender Kritik an der Fleischproduktion ihren Platz neu finden muss.