Ein Wort – und der Saal steht unter Strom. Nicht wegen eines neuen Skandals, nicht wegen neuer Zahlen, nicht wegen eines politischen Durchbruchs. Sondern wegen einer Vokabel.

Im EU-Parlament spricht die AfD-Abgeordnete Christine Anderson von „Gruppenvergewaltigungen“ und Migranten, die durch Europa „frei marodieren“. Die SPD-Politikerin Birgit Sippel meldet sich zur Geschäftsordnung und erklärt: Solche Gruppenvergewaltigungen gibt es nicht. Sie fordert den Präsidenten auf, einzugreifen. Mit einem Ordnungsruf. Der Video-Clip der Szene geht im Internet viral.

Damit ist die Debatte beendet, bevor sie begonnen hat.

Dabei bestätigt die statistische Realität, dass es Vergewaltigungen mit mehreren Tatverdächtigen gibt. Und leider viele. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts gab es allein im Jahr 2022 in Deutschland 789 Fälle von Vergewaltigungen mit mehreren Tatverdächtigen. Im Jahr 2021 waren es 677, gegenüber 704 im Jahr 2020. „Gruppenvergewaltigung“ ist kein eigener Straftatbestand – doch das Phänomen wird dennoch erfasst. Amtlich.

Mit anderen Worten: Der Begriff steht nicht im Gesetz. Das Geschehen steht in der Statistik.

Allein für Berlin weist eine Regierungsantwort auf eine parlamentarische Anfrage 7.475 Sexualdelikte im Jahr 2024 aus, rechnerisch mehr als 20 pro Tag, darunter im Schnitt mehr als zwei Vergewaltigungen täglich. Taten, die bleiern über dem Land liegen. Die viele aus dem rot-grünen Lager einfach verdrängen. Aber sie verschwinden nicht dadurch, dass man sich am Begriff stößt.

Hier liegt die Krux. Der geforderte Ordnungsruf richtet sich formal gegen die Wortwahl. Tatsächlich steht er für eine Negierung der Realität. Der Streit entzündet sich nicht an den Taten, sondern an deren sprachlicher Rahmung. Statt über Probleme wird darüber diskutiert, wie man sie keinesfalls benennen darf.

Wenn eine Abgeordnete erklärt, „Gruppenvergewaltigungen“ gebe es nicht, obwohl Vergewaltigungen mit mehreren Tatverdächtigen amtlich dokumentiert sind, dann ist das keine sprachliche Feinheit mehr – sondern eine semantische Fluchtbewegung.

Das Muster ist vertraut. Seit dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 ist die Zahl der Ordnungsrufe deutlich gestiegen; in der 19. Wahlperiode wurden über 50 ausgesprochen – überwiegend wegen sprachlicher Zuspitzungen. Ordnungsrufe sind nicht neu. Herbert Wehner von der SPD kassierte sie am Fließband. Neu ist, dass sie heute weniger als Verfahrensinstrument wirken – und mehr als Deutungsmarker.

Der politische Konflikt verschiebt sich vom Inhalt zur Semantik. Dabei soll die Geschäftsordnung eigentlich die Würde der Debatte schützen – keinesfalls aber ein Instrument zur Normierung von Wirklichkeitsbeschreibung sein. Genau das geschieht jedoch. Der Streit um Begriffe überlagert die Frage, wie sexualisierte Gewalt und deren Anstieg tatsächlich bekämpft werden kann.

Ebenso bemerkenswert wie der Schlagabtausch im Plenum ist seine mediale Verarbeitung.

Die Berliner Zeitung referiert den Vorgang, nennt Zahlen, ordnet „Remix News“ – das Portal, auf dem das Video zuerst erschien – als „rechtspopulistisch“ ein, verweist auf politische Zuschreibungen – und belässt es dabei. Der Widerspruch wird zwar offen benannt. Aber eher im Stil eines Chronisten als mit wirklichem journalistischem Biss.

Das ist nicht falsch. Aber es ist bequem. Und folgenlos.

Anhänger von Rot-Grün werden nun einwenden, dass politische Kultur sprachliche Disziplin verlange. Dass Begriffe Wirkung entfalten. Dass „Gruppenvergewaltigungen“ zugespitzt ist. Ja. Ist es. Aber wer ein dokumentiertes Phänomen allein deshalb zurückweist, weil der Begriff nicht im Strafgesetzbuch steht, ersetzt Realität durch Wortklauberei.

Warum löst die Wortwahl einen schärferen Reflex aus als die Tatsache, dass Hunderte Fälle mit mehreren Tatverdächtigen jährlich registriert werden? Offenbar hat sich die Sensibilität verschoben. Worte werden als Gefahr markiert, Verbrechen in Zahlen verpackt und dann administrativ abgeheftet. Die semantische Empörung ersetzt die inhaltliche.

Das ist kein Missverständnis. Das ist vorsätzliche Realitätsresistenz zum politischen Selbstschutz der Ideologen, die in unserem Land die Stimmung bestimmen. Und den Meinungskorridor. Sprache ist kontrollierbar, Wirklichkeit nicht. Ein Ordnungsruf signalisiert Handlungsfähigkeit. Die Statistik tut das Gegenteil. Sie steht da – sperrig, brutal, unbestechlich. Und sie lässt sich nicht durch Geschäftsordnungsdebatten wegmoderieren.

Das Tragische daran: Ein Ordnungsruf in Straßburg wird die Kriminalstatistik nicht verändern. Er wird keine Opfer schützen. Er wird kein Delikt verhindern. Er zeigt nur, wie schnell parlamentarische Ordnung in semantische Ersatzhandlung kippt.

Wenn Worte gefährlicher erscheinen als die Taten, die sie beschreiben, ist nicht die Sprache außer Kontrolle geraten – sondern der Maßstab.

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