Lesen Sie heute Teil 42 von „Putins Demokratur“. Warum ich Buch hier auf meiner Seite veröffentliche, können Sie hier in meiner Einleitung zum ersten Beitrag finden.
Als Offizier in einem russischen Geheimdienst glaubte Artur schon mit Anfang vierzig, nichts könne ihn mehr überraschen. Bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Winterspiele 2014 nach Russland vergab. Er schüttelt den Kopf: »Wie konnte ich so naiv sein! Ich hätte mich nie auf das Angebot einlassen dürfen, nach Sotschi zu gehen.« Eine viertel Million Euro würde er in nur zwölf Monaten verdienen, hatten ihm seine Geheimdienst-Kollegen versprochen, ganz kinderleicht. Er und seine Frau hatten gehofft, dass es endlich für eine Wohnung im überteuerten Moskau reichen würde.
Das Ergebnis: Artur – wie er genannt werden will, um nicht noch mehr Ärger zu bekommen – begann zu trinken, ist abgemagert, bekam Magenprobleme, die Ehe wäre um ein Haar gescheitert, und er wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern – weil er außer 30 000 Euro Schulden nichts mitgebracht hat aus Sotschi.
Wie von den Kollegen empfohlen, hatte Artur seinen Staatsjob gekündigt und an der russischen Riviera für üppiges Bestechungsgeld ein Bauunternehmen gegründet. Es dauerte nicht lange, bis der erfahrene Geheimdienstler merkte, dass etwas faul war. Er fand kein ausgebildetes Personal, nur ungelernte Gastarbeiter aus Asien. »Die Leute wurden ständig um ihren Lohn betrogen, keiner wollte mehr für Olympia arbeiten, nur die armen Leute aus dem Ausland hatten keine Alternative«, berichtet Artur. Als Subunternehmer sollte er ein Hotel errichten. »Die Auftraggeber sagten gleich, die Bauordnung schere sie einen Dreck! Hauptsache, mehr Gewinn«, so der Ex-Offizier. »Obwohl die Abfallbeseitigung budgetiert war, durften wir nichts dafür ausgeben. Den meisten Schutt kippten wir ins Meer, auch die Installationen, mit Öl und anderen schädlichen Substanzen.« Teile des Abfalls mussten Arturs Männer nutzen, um sie unter das Fundament für den Neubau zu mischen. »Da stehen zwar jedem Bauingenieur die Haare zu Berge, aber so ließ sich Geld für Zement sparen! Wenn ich ein Sterbenswörtchen darüber verliere, machen sie mich einen Kopf kürzer, haben sie gesagt. Ich habe mich die ganze Olympiade über gefragt, ob das Ding einfällt.«
Die Atmosphäre auf der Baustelle war explosiv. Nachdem sie monatelang keine Kopeke gesehen hatten, erschlugen Arbeiter einen von Arturs Kollegen. »Ich zitterte um mein Leben. Dann habe ich mich entschlossen, meine Leute auszubezahlen – mit meinem eigenen Geld. Von dem, was man mir versprochen hatte, bekam ich nur einen Bruchteil!« Einige wenige hätten den großen Reibach gemacht, während der Rest betrogen wurde, klagt Artur.
»Die Profiteure, das sind Leute aus den Geheimdiensten, mit besten Kontakten nach ganz oben«. Er sieht ehrfürchtig zum Himmel. »Mir haben sie 250 000 Euro versprochen, sie selbst haben allein am Rohbau zwei Millionen verdient. Betrogen wurde mit allem. Sie haben teuerste Designermöbel abgerechnet, geliefert wurde billigste Furnierware; genauso bei den Sanitäreinrichtungen, bei den Farben, überall. Selbst beim Hafenbau haben sie gepfuscht, die Pfeiler haben sie nicht tief genug in den Meeresgrund gerammt, und alles ist ihnen weggeschwommen, nachdem sie fast ein Jahr gebaut hatten.«
Berichterstatter, die Missstände in Sachen Olympia aufdeckten, riskierten ihr Leben. Ein Journalist wurde mit einer Eisenstange fast zu Tode geprügelt. Als das Olympische Komitee im Juli 2007 nach einer Rede von Putin auf Englisch im fernen Guatemala die Spiele nach Sotschi vergab, waren selbst viele kritische Russen
stolz darauf. Denjenigen, die sich in den wenigen unabhängigen Medien informieren, verging die Lust auf Olympia zwischenzeitlich aber gründlich, vor allem wegen der selbst für russische Verhältnisse gigantischen Korruption und der massiven Zerstörung unberührter Natur.
Allein schon die Idee von Winterspielen in den Subtropen, in einer Stadt, die auf dem gleichen Breitengrad liegt wie das französische Saint-Tropez, sei größenwahnsinnig, moniert die Opposition. Putin wolle zeigen, dass er alles beherrsche, selbst die Natur, dass er einen der größten Wintersportorte der Welt praktisch aus dem Nichts zaubern und Unmögliches möglich machen könne.
Sport-Großereignisse sind für den Kreml-Chef willkommene Gelegenheiten, sein Image aufzupolieren. Neben der Olympiade lotste er die Formel 1 sowie die Fußball-WM 2018 nach Russland.
Für seine Ambitionen sind Putin keine Ausgaben zu hoch. Anfangs hieß es, die Olympiade in Sotschi solle 314 Milliarden Rubel kosten, umgerechnet etwa acht Milliarden Euro. Später stieg diese Zahl dann auf das Sechsfache: Laut Schätzungen beliefen sich die Gesamtkosten auf 50 Milliarden Euro. Sotschi war damit achtmal teurer als die vorherigen Winterspiele im kanadischen Vancouver. Begründet wurden die hohen Ausgaben vor allem mit teuren Infrastrukturprojekten, wie etwa der Errichtung neuer Straßen. Viele große Konzerne mussten zudem unter mehr oder weniger sanftem Zwang »freiwillig« in Sotschi investierten. So ließ etwa der milliardenschwere Oligarch Viktor Wechselberg in der Olympiaregion Europas größten Hotelkomplex aus dem Boden stampfen – eine Investition, deren Zukunft nach den Spielen sehr fragwürdig scheint.
Wie Ex-Vize-Premier Boris Nemzow vorrechnete, betrug der Preis für einen Kilometer Straße von Adler an der Küste in den Skiort Krasnaja Poljana rund 120 Millionen Euro. In Westeuropa läge der Kilometerpreise dagegen bei 20 bis 25, in Sonderfällen bei bis zu 50 Millionen Euro pro Kilometer. Das Journal Esquire druckte in seiner russischen Ausgabe eine eigenwillige Umrechnungstabelle. Demnach könnte man die Straßen zu dem Preis, der in Sotschi abgerechnet wurde, statt mit Asphalt mit Luxuswaren bedecken: etwa einen Zentimeter hoch mit Kaviar oder 6 Zentimeter hoch mit Trüffeln.
Besonderen Luxus verspricht auch ein rätselhaftes Objekt vor den Toren der Olympiastadt. Dort entstand eine Mischung aus »Versailles« und »Disneyland«, wie Kritiker spotten. Ein Palast mit einem eigenen Hubschrauberlandeplatz, einer Wellness-Oase, zwei Theatern und einem Spielcasino. Die Gesamtkosten werden auf 750 Millionen bis eine Milliarde Euro geschätzt. Der aus Petersburg in die USA ausgewanderte Geschäftsmann Dmitri Kolesnikow behauptete, die »Datsche« sei nichts anderes als die Olympia-Residenz Putins, die er diskret über Strohmänner wie den befreundeten Unternehmer Nikolaj Schamalow halte. Der Kreml dementierte das. Er konnte aber auch nicht erklären, woher die Unterschriften eines hohen Staatsbeamten auf den Palast-Unterlagen stammen, die von der Nowaja gaseta veröffentlicht wurden.
Ex-Vizepremier Nemzow hält die Olympiade nicht nur für ein gigantisches Korruptionsprojekt, sondern auch für eine Geldvernichtungsmaschine. Die Eisanlagen etwa, allen voran das Eisstadion, seien von Anfang an dazu verurteilt gewesen, als Investitionsruinen in die Olympiageschichte einzugehen und die
Landschaft zu verschandeln, glaubt Nemzow. »Im subtropischen Klima ist es doch völlig unwirtschaftlich, längerfristig künstliches Eis zu betreiben, da müssten sie ja Eintrittspreise verlangen, die sich nur Millionäre leisten können, von den ökologischen Folgen solcher Energieverschwendung ganz abgesehen.« Zumindest die Wettbewerbe auf Eis hätte man in die kalten Regionen Russlands auslagern müssen, so Nemzow: »Aber da stand Putins Ego dagegen, deshalb schmiss man lieber Milliarden zum Fenster raus und zerstörte die Umwelt.«
Hauptleidtragender der Spiele sei neben der russischen Staatskasse die Natur in Sotschi und Umgebung, meint Alexander Baturin, ein junger Zahnarzt, der sich der Opposition anschloss: Es sei unvorstellbar, was alles an unberührter Landschaft vernichtet wurde. Am meisten betroffen ist demnach der Nationalpark Sotschi, der zum Weltnaturerbe gehört und die meisten olympischen Bauten beherbergt. Das Wasser im Fluss Msymta sei früher glasklar gewesen, erinnert sich Baturin, heute komme eine schmutzige Brühe aus den Bergen herunter, die Forellen seien verschwunden. Erdarbeiten hätten zudem zum Austritt von Quecksilber in das Ökosystem geführt. Rücksichtslos seien Wälder gerodet und Biotope zerstört worden. Ebenso brutal wie mit der Natur seien die Bauherren mit den Menschen umgegangen, deren Häuser den olympischen Bauten im Wege standen, berichtet Baturin. Bewaffnete Kampftruppen hätten die Bewohner aus ihren heimischen vier Wänden gezerrt wie Verbrecher. Später bekamen sie demnach als Entschädigung nur einen Bruchteil dessen, was ihr Wohnraum wert war. Mancher stolze Hausbesitzer konnte sich laut Baturin kaum noch eine Einzimmerwohnung leisten. Wer sich wehrte, musste mit Einschüchterungen und Unannehmlichkeiten rechnen. Gewalt gab es auch anderweitig: Rivalisierende Mafia-Clans lieferten sich blutige Bandenkriege um ihr Stück vom »olympischen Kuchen«.
Störmanöver kamen auch aus dem Ausland. Wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier kritisierte der Präsident des internationalen Skiverbandes und IOC-Mitglied Gian-Franco Kasper die Korruption rund um die Spiele. »Ich gehe davon aus, dass 30 Prozent der Gelder in Korruption oder sonstige Nebengeschäfte fließen«, erklärte der Schweizer – zumindest wurde er in der Presse so zitiert: »In Russland ist das mehr oder weniger Alltag.« Auch die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen in Sotschi bezeichnete er als tragisch. In einzelnen Fällen würden Arbeiter seit Monaten auf ihren Lohn warten. »Er ist eine sehr spezielle, eiskalte Persönlichkeit«, beschrieb Kasper Putin, den er mehrmals traf. Er fürchte »herzlose und kalte« Spiele: »Wegen der Sicherheit wird die Zuschauerzahl in den Stadien oft halbiert, zudem lebt der Ort Sotschi überhaupt nicht von Wintersportarten.« Kasper orakelte, die olympische Bewegung werde sich mit diesem Hang zum Gigantismus »selber auffressen«. Die Kritik blieb in Moskau nicht unbemerkt. Kurz darauf behauptete Kasper, er sei falsch verstanden worden.
Unter drastischen Sicherheitsmaßnahmen beginnen die Spiele. 50 000 Beamte sollen für Sicherheit sorgen, doppelt so viele wie in London 2012. Viele Polizisten aus den Regionen versuchen mit allen Mitteln, dem Diensteinsatz in Sotschi zu entgehen – weil selbst innerhalb der Ordnungsbehörden die Angst vor Terroranschlägen gewaltig ist. Der Kreml greift deshalb in die Wunderkiste der Militärtechnik: Drohnen sollen den Luftraum überwachen, U-Boote und Schiffe vor der Küste patrouillieren, SU-27 Kampfflieger und S-400-Raketen den Luftraum sichern. Dazu kommen Überwachungsmaßnahmen und Geheimdienst-Vollmachten fast wie aus Orwells 1984 . Die Strategie geht auf. Allen Befürchtungen zum Trotz verläuft die Olympiade friedlich, der befürchtete Terroranschlag bleibt aus.
Bei der Eröffnungsfeier kommt es zu einem kleinen technischen Problem: Als die fünf olympischen Ringe in hellem Licht erleuchten sollen, bleibt einer dunkel – der amerikanische. Die Fernsehzuschauer in Russland sehen das nicht, ihnen werden Bilder von den Proben eingespielt, bei denen alles glatt lief. Offenbar darf nichts schiefgehen bei Putins Prestigeobjekt. Putins Wunsch, mit den großen Staatsmännern der Welt zusammen auf der Bühne zu sitzen, erfüllt sich nicht. US-Präsident Obama kommt genauso wenig nach Sotschi wie Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck und die meisten anderen Staatsmänner aus den demokratischen Ländern. Umso mehr Lob bekommt Putin vom Präsidenten des Olympischen Komitees IOC, dem Deutschen Thomas Bach. Kein Wunder, hatte sich Putin doch einst für dessen Wahl an die Spitze der einflussreichen Organisation eingesetzt.
Als das olympische Feuer erlischt, bleiben »zwiespältige Gefühle«, wie die Frankfurter Allgemeine schreibt. »Die einen beschreiben perfekte, die anderen bedrückende Spiele. Die spannenden Wettkämpfe konnten die politische Spannung nicht überdecken.« Dass vor und während der Spiele Umweltschützer und Kreml-Kritiker verfolgt, verhaftet und verurteilt wurden, stehe »nicht im Zusammenhang mit den Spielen«, sagt IOC-Sprecher Mark Adams: »Das ist nicht Sache des IOC.« Vize-Premier Dmitri Kosak bedankt sich gar bei den ausländischen Journalisten für ihre Kritik – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie manchmal arg übertrieben ausgefallen sei. Etwa, als Kosaken – als Hilfssheriffs im Einsatz – Mitglieder der Punkband Pussy Riot mit einer Pferdepeitsche schlugen. »Die Tricks und Provokationen von Pussy Riot haben in der Berichterstattung glücklicherweise keine Rolle gespielt, weil sich alle Medien auf die spannenden Wettkämpfe konzentriert haben«, so Kosak.
Doch trotz der Proteste und kritischen Berichte: Mit seiner Inszenierung in Sotschi hat Putin auch im Ausland an Ansehen gewonnen. In diesen Tagen im Februar kann jedoch noch niemand ahnen, dass all das wenige Wochen später vergessen und von einer völlig neuen Entwicklung in der Weltpolitik verdrängt sein wird.
Den vorherigen, einundvierzigsten Teil – Die Freilassung – finden Sie hier.
Den ersten Text der Buchveröffentlichung finden Sie hier.
Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.
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