Bühnentechniker, Maskenbildnerinnen, Schneider und Beleuchterinnen protestieren gegen Kürzungen. Die Gewerke haben sich dem Streik im öffentlichen Dienst angeschlossen, und sie führen ihn auf ganz eigene Weise


Ohne Bühnenarbeiter ginge am Theater nichts. In der Honorierung schlägt sich das oft nicht nieder

Foto: Imago Images


„Jeden Tag in der Woche – von morgens bis in die Nacht – arbeiten Tausende Menschen unermüdlich daran, dass Abend für Abend der Vorhang aufgeht und wir Sie begeistern können.“ So freundlich klingt Arbeitskampf in Berlin. Hier streikten im Rahmen der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst der Länder neben Bibliotheken, Kitas oder den Verkehrsbetrieben zuletzt auch die Bühnenmitarbeiter*innen.

Von morgens bis in die Nacht: Diese Leidenschaft oder auch Leistungsbereitschaft gehört zum Selbstverständnis derjenigen, die als Bühnentechnikerin, Schneider, Maskenbildnerin, Requisiteur oder Beleuchterin am Theater arbeiten. Würden sie um 17 Uhr den Akkuschrauber, das Textbuch oder Nadel und Faden niederlegen, fände an den 140 öffentlich getragenen Stadt- und Staatstheatern in Deutschland keine einzige Vorstellung statt.

Sonst hinter den Kulissen tätig, treten die Gewerke derzeit ins Scheinwerferlicht. Der oben zitierte Satz fiel bei der Premiere der Jenny-Erpenbeck-Adaption Heimsuchung am Deutschen Theater Berlin. Nach dem Schlussapplaus füllte sich die Bühne mit DT-Mitarbeiter*innen, und ein Kollege aus der Technik verlas die Erklärung zum bundesweiten Theater-Aktionstag, den Verdi und die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, kurz GDBA, ausgerufen hatten.

„Viel Überwindung gekostet“

Dass sich die Gewerke am Arbeitskampf beteiligen, liegt auch daran, dass die Tarifverhandlungen in Zeiten massiver Kürzungen in den Länderhaushalten stattfinden. „Die Sparmaßnahmen sägen gleichermaßen an unseren Arbeits- und Lebensbedingungen wie auch an der Freiheit der Kunst“, heißt es dazu in der DT-Stellungnahme. Stellen werden nicht nachbesetzt, die Gelder für Ausbildungsplätze wurden gestrichen, freie Schauspieler*innen können nicht mehr beschäftigt werden. Und der künstlerische Etat schrumpft: Das Deutsche Theater hat die Zahl seiner Premieren radikal reduziert, von den üblichen 28 auf 18 in dieser Spielzeit. Wie weit kann diese Zahl gesenkt werden, bevor das Haus nicht mehr als Hauptstadtbühne wahrgenommen wird?

Für Claudia Stritt, die an der Volksbühne als Herrenschneiderin arbeitet, ist es der erste Streik überhaupt. „Alle hat es viel Überwindung gekostet“, sagt sie. Die Gewerke sind den Künstler*innen gegenüber loyal. Und so sind nur wenige Vorstellungen ausgefallen, meist postierte sich vor der Vorstellung eine Gruppe Protestierender vor dem Theater. Enterte sie nach der Aufführung die Bühne, fragte sie zuvor Regie und Intendanz um Erlaubnis. Von Kampf also keine Spur, auch wenn die Dringlichkeit hoch ist.

„Ehe Künstler eine Vorstellung ausfallen lassen, muss viel passieren“, sagt die GDBA-Gewerkschafterin Franziska Stiller, die als Maskenbildnerin am DT arbeitet. Aber die Kürzungen in Verbindung mit der Teuerung in der Hauptstadt gehen an die Substanz. Claudia Stritt von der Volksbühne verweist auf die Entgelttabelle für den öffentlichen Dienst. „Die meisten Menschen an den Theatern sind zwischen 2 und 7 eingruppiert, das sind monatlich 2.600 bis 3.800 Euro brutto, das ist wirklich nicht die Welt.“ Manuel Kühne vom Maxim Gorki Theater berichtet, dass ein neuer Kollege in der Bühnentechnik bereits mit einer niedrigeren Entgeltstufe als zuvor eingestellt wurde.

Mit dabei: Das rosa Känguru

Sieben Prozent Lohnerhöhung fordert Verdi in dieser Tarifrunde, mindestens 300 Euro mehr für Beschäftigte und 200 Euro mehr für Auszubildende. Was nach viel klingt, ist nicht viel, diese Botschaft ist Claudia Stritt wichtig. Zumal für künstlerisch Beschäftigte im sogenannten Normalvertrag Bühne Ende 2025 auch die Hauptstadtzulage gestrichen wurde, 150 Euro monatlich. „Kunst ist Arbeit – von Arbeit müssen wir leben können“, lautet denn auch der offizielle Slogan des Verdi-Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie, der die Streiks organisiert.

Protestiert wurde vor der Volksbühne oder dem Maxim Gorki Theater, denen die Schließung der eigenen Werkstätten droht. Bei der Verkündung der Auswahl fürs Theatertreffen, den alljährlichen Showcase für bemerkenswerte Inszenierungen, demonstrierten Mitarbeiter*innen der Landestheater vor dem Haus der Berliner Festspiele, trotz Schnee. „Mehr Faust für Wedl-Wilson“ stand auf einem Schild, und es bleibt offen, ob Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson mehr Goethe angeboten werden soll oder ob sie ein handfester Kampf erwartet. Ihr Vorhaben, die landeseigenen Theaterbetriebe nach dem Vorbild der Opernstiftung zusammenzufassen, ist schließlich noch nicht vom Tisch, und die Belegschaften fürchten betriebsbedingte Kündigungen.

Als Maskottchen an allen Stationen mit dabei: ein rosa Känguru mit Boxhandschuhen und dem Schild „Theater für alle“ über der Schulter, das die ehemalige Gorki-Auszubildende Luca Grabo geschaffen hat. Auch das „für alle“ ist im Rahmen der Kürzungen ein Thema: Um mehr Einnahmen zu erwirtschaften, haben Theater vielerorts Eintrittspreise erhöht. Zugleich monierte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner Ende 2024, Supermarkt-Kassiererinnen gingen nicht in die Oper.

Ist Kulturförderung keine Selbstverständlichkeit mehr? Franziska Stiller hält das für fatal: „Kultur ist wie ein Gradmesser einer entwickelten Gesellschaft, sie ist eine Investition in den Zusammenhalt“, sagt die Gewerkschafterin. „Dass ein Staat für Kultur sorgt und das die Gesellschaft trägt – das gibt es in anderen Ländern nicht mehr, und das spürt man auch. Aber nur so kann man noch kritisch sein.“ Auch dafür führen die Bühnenmitarbeiter*innen diesen zivilisiert ausgetragenen Arbeitskampf.

28;nde an den 140 öffentlich getragenen Stadt- und Staatstheatern in Deutschland keine einzige Vorstellung statt.Sonst hinter den Kulissen tätig, treten die Gewerke derzeit ins Scheinwerferlicht. Der oben zitierte Satz fiel bei der Premiere der Jenny-Erpenbeck-Adaption Heimsuchung am Deutschen Theater Berlin. Nach dem Schlussapplaus füllte sich die Bühne mit DT-Mitarbeiter*innen, und ein Kollege aus der Technik verlas die Erklärung zum bundesweiten Theater-Aktionstag, den Verdi und die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, kurz GDBA, ausgerufen hatten.„Viel Überwindung gekostet“Dass sich die Gewerke am Arbeitskampf beteiligen, liegt auch daran, dass die Tarifverhandlungen in Zeiten massiver Kürzungen in den Länderhaushalten stattfinden. „Die Sparmaßnahmen sägen gleichermaßen an unseren Arbeits- und Lebensbedingungen wie auch an der Freiheit der Kunst“, heißt es dazu in der DT-Stellungnahme. Stellen werden nicht nachbesetzt, die Gelder für Ausbildungsplätze wurden gestrichen, freie Schauspieler*innen können nicht mehr beschäftigt werden. Und der künstlerische Etat schrumpft: Das Deutsche Theater hat die Zahl seiner Premieren radikal reduziert, von den üblichen 28 auf 18 in dieser Spielzeit. Wie weit kann diese Zahl gesenkt werden, bevor das Haus nicht mehr als Hauptstadtbühne wahrgenommen wird?Für Claudia Stritt, die an der Volksbühne als Herrenschneiderin arbeitet, ist es der erste Streik überhaupt. „Alle hat es viel Überwindung gekostet“, sagt sie. Die Gewerke sind den Künstler*innen gegenüber loyal. Und so sind nur wenige Vorstellungen ausgefallen, meist postierte sich vor der Vorstellung eine Gruppe Protestierender vor dem Theater. Enterte sie nach der Aufführung die Bühne, fragte sie zuvor Regie und Intendanz um Erlaubnis. Von Kampf also keine Spur, auch wenn die Dringlichkeit hoch ist.„Ehe Künstler eine Vorstellung ausfallen lassen, muss viel passieren“, sagt die GDBA-Gewerkschafterin Franziska Stiller, die als Maskenbildnerin am DT arbeitet. Aber die Kürzungen in Verbindung mit der Teuerung in der Hauptstadt gehen an die Substanz. Claudia Stritt von der Volksbühne verweist auf die Entgelttabelle für den öffentlichen Dienst. „Die meisten Menschen an den Theatern sind zwischen 2 und 7 eingruppiert, das sind monatlich 2.600 bis 3.800 Euro brutto, das ist wirklich nicht die Welt.“ Manuel Kühne vom Maxim Gorki Theater berichtet, dass ein neuer Kollege in der Bühnentechnik bereits mit einer niedrigeren Entgeltstufe als zuvor eingestellt wurde.Mit dabei: Das rosa KänguruSieben Prozent Lohnerhöhung fordert Verdi in dieser Tarifrunde, mindestens 300 Euro mehr für Beschäftigte und 200 Euro mehr für Auszubildende. Was nach viel klingt, ist nicht viel, diese Botschaft ist Claudia Stritt wichtig. Zumal für künstlerisch Beschäftigte im sogenannten Normalvertrag Bühne Ende 2025 auch die Hauptstadtzulage gestrichen wurde, 150 Euro monatlich. „Kunst ist Arbeit – von Arbeit müssen wir leben können“, lautet denn auch der offizielle Slogan des Verdi-Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie, der die Streiks organisiert.Protestiert wurde vor der Volksbühne oder dem Maxim Gorki Theater, denen die Schließung der eigenen Werkstätten droht. Bei der Verkündung der Auswahl fürs Theatertreffen, den alljährlichen Showcase für bemerkenswerte Inszenierungen, demonstrierten Mitarbeiter*innen der Landestheater vor dem Haus der Berliner Festspiele, trotz Schnee. „Mehr Faust für Wedl-Wilson“ stand auf einem Schild, und es bleibt offen, ob Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson mehr Goethe angeboten werden soll oder ob sie ein handfester Kampf erwartet. Ihr Vorhaben, die landeseigenen Theaterbetriebe nach dem Vorbild der Opernstiftung zusammenzufassen, ist schließlich noch nicht vom Tisch, und die Belegschaften fürchten betriebsbedingte Kündigungen.Als Maskottchen an allen Stationen mit dabei: ein rosa Känguru mit Boxhandschuhen und dem Schild „Theater für alle“ über der Schulter, das die ehemalige Gorki-Auszubildende Luca Grabo geschaffen hat. Auch das „für alle“ ist im Rahmen der Kürzungen ein Thema: Um mehr Einnahmen zu erwirtschaften, haben Theater vielerorts Eintrittspreise erhöht. Zugleich monierte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner Ende 2024, Supermarkt-Kassiererinnen gingen nicht in die Oper.Ist Kulturförderung keine Selbstverständlichkeit mehr? Franziska Stiller hält das für fatal: „Kultur ist wie ein Gradmesser einer entwickelten Gesellschaft, sie ist eine Investition in den Zusammenhalt“, sagt die Gewerkschafterin. „Dass ein Staat für Kultur sorgt und das die Gesellschaft trägt – das gibt es in anderen Ländern nicht mehr, und das spürt man auch. Aber nur so kann man noch kritisch sein.“ Auch dafür führen die Bühnenmitarbeiter*innen diesen zivilisiert ausgetragenen Arbeitskampf.



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