Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs zeigen an der Berliner Volksbühne ihre erste gemeinsame Regiearbeit. „Irgendetwas ist passiert“ überträgt die allgegenwärtige politische und moralische Erschöpfung auf ein dysfunktionales Paar
Paul oder Claudia? Hinrichs spielt sie beide
Foto: Apollonia Theresa Bitzan
Was passiert, wenn man den Lärm der Welt nicht mehr ausblenden kann? Wenn die Tatsachen auf den Alltag tropfen, sich wie Säure hineinfressen, wie Fabian Hinrichs es an diesem Abend einmal formuliert? Wenn die Bilder des Krieges, der Vertreibung, der toten Kinder, etwa das des dreijährigen Alan Kurdi, der 2015 auf der Flucht über das Mittelmeer ertrank und tot an einem Strand in der Türkei aufgefunden wurde, nicht mehr verschwinden, sondern mit dem Lärm der Gewalt immer weiter nachhallen?
An dieser Frage arbeitet der Schauspieler Fabian Hinrichs in seinem Stück Irgendetwas ist passiert, das in Zusammenarbeit mit seiner Frau, der Psychoanalytikerin Anne Hinrichs, entstanden ist. Vergangenen Freitag feierte es an der Berliner Volksbühne Premiere. Hier erlangte Hinrichs in den Inszenierungen von René Pollesch Kultstatus, und an die gemeinsame Arbeit mit dem 2024 verstorbenen Freund knüpft er nun auch an.
Ein Paar streitet sich vor einer schwarzen Wand, die zunächst den Blick auf das Bühnenbild versperrt. Paul und Claudia, beide von Hinrichs verkörpert, kennt man bereits aus Polleschs ja nichts ist ok. Damals wohnten sie noch in einer WG, jetzt sind sie ein Paar, und neue Konflikte treten auf.
Hinrichs hüpft in Laufkleidung auf und ab, schreit sich selbst an
Die beiden wollten joggen gehen, er habe „Fick dich“ zu ihr gesagt, nachdem sie nicht auf ihn gewartet hatte. In Laufkleidung hüpft Hinrichs auf und ab, schreit sich gegenseitig selbst an. Für jeden der beiden Charaktere wechselt er seinen Schritt, hüpft schneller, dann wieder langsamer. Paul droht mit Suizid, Claudia brüllt durch die einzige Tür in der schwarzen Wand: „Jetzt schreie ich die Verletzungen in dich zurück.“
Als die Wand verschwindet, wird der Blick auf ein modernes Einfamilienhaus frei, von der Bühnenbildnerin Nina von Mechow mit Liebe zum Detail gestaltet, in dem Hinrichs den zeitgemäß-bürgerlichen Alltag eines dysfunktionalen Paares nachstellt. Es läuft die Tagesschau, man macht Sport, ernährt sich von Proteinen und Salat. Paul schaut Pornos, und die beiden streiten über die Inneneinrichtung.
Ob man eine neue Marmorplatte kaufen soll oder nicht, wird zur entscheidenden Frage. Eine Hauswand ist mit Werbeplakaten beklebt: für die CDU, die Melania-Trump-Doku, eine Kampagne gegen sexuell übertragbare Krankheiten, und mit einem Porträt des in eine Decke gehüllten Pollesch, der das Publikum durch seine Brille anschaut. „Und ganz egal, was Einstein sagt, er wird nie wiederkommen“, verleiht Hinrichs der Trauer einmal Ausdruck.
Eine Hommage an René Pollesch
In diesem Sinne sind auch große Teile des Abends als Hommage an Pollesch zu verstehen, als Versuch, die gemeinsame Arbeit weiterzudenken und in eine dramatische Form zu bringen, wie sich der Mensch in den westlichen Gesellschaften so verhält angesichts der Kriege und Großkonflikte und wie sich all das auf die Psyche auswirkt: „Stopp, ich will nichts Unglaubliches mehr sehen“, fasst Hinrichs gegen Ende den Zustand politischer und moralischer Erschöpfung zusammen.
Derweil strahlt das elektronische Licht einer Werbetafel auf die Bühne, die Spots verschiedener Luxuskonzerne zeigt. Kleine Hyaluronperlen fügen sich zu einer Flasche Gesichtscreme zusammen, funkelnde Diamanten, die in einen Ring eingesetzt werden, fangen den Blick, Models, die in feine Seide und Leder gehüllt defilieren, lenken ihn von der eigentlichen Handlung ab. Während die Welt unterzugehen scheint, laufen diese schönen Bilder weiter und verweisen auf die Gespaltenheit der modernen Welt, an der Spitze des Warenfetischs. Gleichzeitig markieren sie das Theater als Raum, der noch weitestgehend werbefrei ist. In Zeiten diverser Sparmaßnahmen erscheint diese Form der Drittmittelakquise so abwegig nicht.
Eindrucksvoll sind an anderer Stelle Projektionen von Kriegsvideos, die den hohen weißen Zylinder über der Bühne mit Aufnahmen zerstörter Wohnhäuser füllen. Auch wenn diese Bilder nicht neu sind, entfalten sie sich an dieser Stelle noch einmal anders, vermögen zu berühren, eben weil sie gewöhnlich geworden sind, im Alltag verdrängt werden und sich in der Aufmerksamkeitsökonomie gegen bunte Reklame durchsetzen müssen.
Hinrichs rollt im Regenponcho mit LEDs geschmückt über die Bühne
An anderen Stellen vermisst man Polleschs Handschrift und sein Talent als Dramaturg und Regisseur. Es fehlen die schönen, wahren Sätze im scheinbar simplen Gewand, die in seinen Stücken aufblitzten. Sätze wie: „Ich lebe unter unvorstellbaren Qualen. (…) Ich liebe nur dich unter unvorstellbaren Qualen“, die etwas in einem schwingen lassen und, einmal gehört, nicht mehr verschwinden.
Genauso sucht man an diesem Abend nach den großen Bühnenmomenten, in denen Text, Schauspiel, Bühne, Licht und Musik ineinandergreifen und eins werden. Angelehnt an vergangene Arbeiten von Pollesch und Hinrichs wird es versucht, etwa wenn Hinrichs im Regenponcho und mit LEDs geschmückt auf einem Elektroroller über die Bühne fährt, nur bleiben die kathartischen Effekte früherer Stücke aus.
Seine eigene Kraft entfaltet das Stück trotzdem. Hinrichs spricht einmal von Wendepunkten, die eine Welt in ein Davor und ein Danach teilen. Der Versuch, die daraus resultierenden Verschiebungen politischer und moralischer Natur aufzuzeigen, ohne dabei zu vereinfachen oder zu belehren, stellt die Dringlichkeit dieses Abends dar.
Irgendetwas ist passiert Konzept, Text und Regie: Fabian Hinrichs, Anne Hinrichs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
e Premiere. Hier erlangte Hinrichs in den Inszenierungen von René Pollesch Kultstatus, und an die gemeinsame Arbeit mit dem 2024 verstorbenen Freund knüpft er nun auch an.Ein Paar streitet sich vor einer schwarzen Wand, die zunächst den Blick auf das Bühnenbild versperrt. Paul und Claudia, beide von Hinrichs verkörpert, kennt man bereits aus Polleschs ja nichts ist ok. Damals wohnten sie noch in einer WG, jetzt sind sie ein Paar, und neue Konflikte treten auf.Hinrichs hüpft in Laufkleidung auf und ab, schreit sich selbst anDie beiden wollten joggen gehen, er habe „Fick dich“ zu ihr gesagt, nachdem sie nicht auf ihn gewartet hatte. In Laufkleidung hüpft Hinrichs auf und ab, schreit sich gegenseitig selbst an. Für jeden der beiden Charaktere wechselt er seinen Schritt, hüpft schneller, dann wieder langsamer. Paul droht mit Suizid, Claudia brüllt durch die einzige Tür in der schwarzen Wand: „Jetzt schreie ich die Verletzungen in dich zurück.“Als die Wand verschwindet, wird der Blick auf ein modernes Einfamilienhaus frei, von der Bühnenbildnerin Nina von Mechow mit Liebe zum Detail gestaltet, in dem Hinrichs den zeitgemäß-bürgerlichen Alltag eines dysfunktionalen Paares nachstellt. Es läuft die Tagesschau, man macht Sport, ernährt sich von Proteinen und Salat. Paul schaut Pornos, und die beiden streiten über die Inneneinrichtung.Ob man eine neue Marmorplatte kaufen soll oder nicht, wird zur entscheidenden Frage. Eine Hauswand ist mit Werbeplakaten beklebt: für die CDU, die Melania-Trump-Doku, eine Kampagne gegen sexuell übertragbare Krankheiten, und mit einem Porträt des in eine Decke gehüllten Pollesch, der das Publikum durch seine Brille anschaut. „Und ganz egal, was Einstein sagt, er wird nie wiederkommen“, verleiht Hinrichs der Trauer einmal Ausdruck.Eine Hommage an René PolleschIn diesem Sinne sind auch große Teile des Abends als Hommage an Pollesch zu verstehen, als Versuch, die gemeinsame Arbeit weiterzudenken und in eine dramatische Form zu bringen, wie sich der Mensch in den westlichen Gesellschaften so verhält angesichts der Kriege und Großkonflikte und wie sich all das auf die Psyche auswirkt: „Stopp, ich will nichts Unglaubliches mehr sehen“, fasst Hinrichs gegen Ende den Zustand politischer und moralischer Erschöpfung zusammen.Derweil strahlt das elektronische Licht einer Werbetafel auf die Bühne, die Spots verschiedener Luxuskonzerne zeigt. Kleine Hyaluronperlen fügen sich zu einer Flasche Gesichtscreme zusammen, funkelnde Diamanten, die in einen Ring eingesetzt werden, fangen den Blick, Models, die in feine Seide und Leder gehüllt defilieren, lenken ihn von der eigentlichen Handlung ab. Während die Welt unterzugehen scheint, laufen diese schönen Bilder weiter und verweisen auf die Gespaltenheit der modernen Welt, an der Spitze des Warenfetischs. Gleichzeitig markieren sie das Theater als Raum, der noch weitestgehend werbefrei ist. In Zeiten diverser Sparmaßnahmen erscheint diese Form der Drittmittelakquise so abwegig nicht.Eindrucksvoll sind an anderer Stelle Projektionen von Kriegsvideos, die den hohen weißen Zylinder über der Bühne mit Aufnahmen zerstörter Wohnhäuser füllen. Auch wenn diese Bilder nicht neu sind, entfalten sie sich an dieser Stelle noch einmal anders, vermögen zu berühren, eben weil sie gewöhnlich geworden sind, im Alltag verdrängt werden und sich in der Aufmerksamkeitsökonomie gegen bunte Reklame durchsetzen müssen.Hinrichs rollt im Regenponcho mit LEDs geschmückt über die BühneAn anderen Stellen vermisst man Polleschs Handschrift und sein Talent als Dramaturg und Regisseur. Es fehlen die schönen, wahren Sätze im scheinbar simplen Gewand, die in seinen Stücken aufblitzten. Sätze wie: „Ich lebe unter unvorstellbaren Qualen. (…) Ich liebe nur dich unter unvorstellbaren Qualen“, die etwas in einem schwingen lassen und, einmal gehört, nicht mehr verschwinden.Genauso sucht man an diesem Abend nach den großen Bühnenmomenten, in denen Text, Schauspiel, Bühne, Licht und Musik ineinandergreifen und eins werden. Angelehnt an vergangene Arbeiten von Pollesch und Hinrichs wird es versucht, etwa wenn Hinrichs im Regenponcho und mit LEDs geschmückt auf einem Elektroroller über die Bühne fährt, nur bleiben die kathartischen Effekte früherer Stücke aus.Seine eigene Kraft entfaltet das Stück trotzdem. Hinrichs spricht einmal von Wendepunkten, die eine Welt in ein Davor und ein Danach teilen. Der Versuch, die daraus resultierenden Verschiebungen politischer und moralischer Natur aufzuzeigen, ohne dabei zu vereinfachen oder zu belehren, stellt die Dringlichkeit dieses Abends dar.